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„Wer hält ihre Hand, wenn sie gehen?“: Warum ich ehrenamtlich Sterbende begleite

Es beginnt alles mit einer Idee.

Viele Menschen sterben einsam. Unsere Autorin will das ändern und engagiert sich als Sterbebegleiterin. Dabei lernt sie viel über den Tod – und über das Leben.

Den Entschluss, zukünftig Sterbenden die Hand zu reichen, fasste ich vor etwa zwei Jahren. Ich saß mal wieder mit meinem Großvater in der Cafeteria des Seniorenheims in Berlin-Mitte, in dem er lebte. Ich schaute regelmäßig in alte Gesichter, manchmal waren sie um einiges jünger als das meines Großvaters.

Was all diese Gesichter miteinander verband, war ihre tiefe Traurigkeit. Ich haderte oft mit mir, wenn ich dort saß, Kaffee oder Sekt mit meinem Großvater trank. Meine Gedanken fuhren jedes Mal Achterbahn, und ich fragte mich immer wieder: Wer hält diesen Menschen die Hand, wenn sie gehen? Ich wusste, dass viele der Bewohner:innen gelegentlich Besuch bekamen. Meistens aber eher unregelmäßig, und einige empfangen einfach nie Gäste. Nicht einmal zum Geburtstag oder an Weihnachten. Mein Herz wurde immer schwerer. Der Gedanke, dass sie ihre letzte Reise alleine antreten müssten, kam bei jedem Besuch wieder auf. Und ich war oft da, wöchentlich, manchmal mehrfach. Ich begann zu recherchieren, las mich ein, hörte Podcasts und sah jede Dokumentation zum Thema Sterben, die ich finden konnte. Ich wollte alles wissen. Irgendwann stieß ich auf Menschen, die Sterbenden letzte kleine Wünsche erfüllten, indem sie ihnen vorlasen, mit ihnen sangen oder in Stille ihre Hand hielten. Ich entdeckte einen Kurs, in dem man darauf vorbereitet wird, Menschen mit lebensverkürzender Erkrankung oder in hohem Alter in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten.

Ich sprach mit den Anbietern dieser Schulungen und entschied mich im November 2024, mich zu bewerben. Zu diesem Zeitpunkt war mein Großvater bereits in der Endphase seines Lebens,was ich unbewusst spürte, Anfang Dezember erhielt ich die Zusage für den im Februar beginnenden Kurs. Zwei Tage nach Weihnachten starb mein Großvater, 93 Jahre alt, nach einem bewegten Leben und langer Krankheit in einem Berliner Krankenhaus. Meine Welt blieb stehen. Ich \el in ein tiefes Loch, ins Trauerloch. Zwischen den Jahren weinte ich mir die Augen aus. Ich fragte mich immer wieder, was wir hätten besser machen können. Wie wir ihn noch besser hätten begleiten können. Natürlich war mir bewusst, dass er ein stolzes Alter erreicht hatte, und doch wollte ich seinen Tod nicht akzeptieren. Er war der Mensch, der mich am längsten kannte. Für ihn hätte ich mein letztes Hemd gegeben. aber nicht wahrhaben wollte. Die Wellen der Trauer veränderten sich täglich. Und der Start meines Kurses rückte näher. Als ich das erste Mal mit den anderen Teilnehmer:innen im Stuhlkreis saß und einen Teil meiner Geschichte erzählte, rollten mir noch Tränen über die Wangen. Doch bereits am Ende dieses ersten Abends wusste ich, dieser Kurs ist genau das, was ich gesucht hatte und was ich langfristig in unserer Gesellschaft einbringen möchte. Über die Monate hinweg lernten wir vieles: von Kommunikation und Wahrnehmung in derBegleitung über Rituale, Spiritualität, Arbeitssicherheit und Hygiene bis hin zu rechtlichen Aspekten. Auch Besuche in einem Hospiz und einem Bestattungshaus gehörten zur Ausbildung, sowie zahlreiche Rollenspiele. Sterben kann man nicht üben. Aber man kann versuchen, sich mit Empathie in mögliche Situationen hineinzuversetzen. Es ist kein Geheimnis, dass der Tod in unserem Land selten öffentlich thematisiert wird. Doch gestorben wird immer, sonst gäbe es nicht mehr als 300 Bestattungsunternehmen allein in Berlin.

Ende Mai, kurz vor dem Abschluss der Fortbildung, wurde ich gefragt, ob ich mir meine erste Begleitung zutraue. Ich war bereit. Und so machte ich mich ohziell als ehrenamtliche Lebensund Sterbebegleiterin auf den Weg zu meinem ersten Patienten. Vorab wurde ich über ihn und seine Erkrankung gebrieft. Vor dem Krankenzimmer atmete ich zweimal tief durch. Wir stellten uns einander vor, bevor ich mit etwas Abstand neben dem Krankenbett Platz nahm. Wir sprachen über unsere Familien, Lieblingsmusik und das Leben in Berlin. Am Ende des Besuchs fragte ich ihn, ob ich in der kommenden Woche wiederkommen dürfe. Ich durfte. Seitdem besuche ich ihn einmal pro Woche. Ich bringe Blumen, geschnittene Mango oder Wassermelone mit. Ich erzähle vom Berliner Sommer, von meiner Familie und geplanten Reisen. Mittlerweile ist er sehr schwach. Die Krankheit schreitet voran, und die Schmerzen werden stärker, trotz palliativer Behandlung. Seit kurzem füttere ich ihn mit dem mitgebrachten Obst, weil er es selbst nicht mehr schafft. Seine Worte werden weniger, unser Schweigen wird lauter.

Nach meinen Besuchen kann ich nicht einfach auf mein Fahrrad steigen und in den Alltag zurückdüsen. Ich schiebe mein Rad, atme tief und versuche, im Hier und Jetzt zu bleiben. Manchmal rufe ich nach meinen Besuchen auch eine Freundin an, denn beim Sprechen übers Sterben stirbt man nicht. Diese Tätigkeit erdet mich. Ich bin demütiger geworden und noch dankbarer. Ich habe mir dieses Ehrenamt bewusst gesucht. In einer Zeit, die so laut, schnell und voll ist, hilft mir diese Stille, mich auf das Wesentliche zu besinnen. Ich kann heute mit dem Wort Endlichkeit viel mehr anfangen. Ich weiß, dass es auch für mich jederzeit vorbei sein kann und das auch ganz ohne Krankheit oder hohes Alter. Wie lange mein erster Begleiteter noch leben wird, weiß niemand. Vielleicht geht alles schnell. Vielleicht bleiben ihm noch einige Monate. Ich denke oft an ihn, auch zwischen unseren Treffen. Wir sind emotional noch nicht tief verbunden. Aber er ist mein erster Patient. Egal wann er stirbt: Ich werde ihn niemals vergessen. Und ich hoffe, dass ich ihm noch viele Male frisches Obst bringen darf.

Dieser Artikel wurde auf berliner-zeitung.de veröffentlicht.

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Berlin trauert nicht mit

Es beginnt alles mit einer Idee.

Berlin ist gut darin, weiterzugehen. Menschen gehen schnell, selbst wenn sie stehen. Wer hier aussteigt, steht im Weg. Ich habe diese Stadt lange als Trainingsgelände genutzt: Tempo aufnehmen, Gefühle verstauen, funktionieren. Man kann sich hier hervorragend unsichtbar machen, sogar vor sich selbst.

Und dann starb mein Großvater. 

Es war zwischen den Jahren, dieser eigenartige Korridor, in dem die Tage so tun, als hätten sie keine Aufgabe. Viele nutzen ihn für Raclette und Vorsätze. Ich nutzte ihn, um mich zu beschäftigen. Als ließe sich das Unvermeidliche durch Aktivität auf Abstand halten. Ich stand an einem Tisch bei der Berliner Tafel und packte Lebensmitteltüten: Äpfel, Kartoffeln, Schokolade. Hände greifen, Hände sortieren, Hände machen weiter. Alles, was eine Hand tun kann, um nicht leer zu sein.

Während ich packte, wusste ich, dass der Tag näher rückte. Diese Art von Wissen ist körperlich. Man trägt es nicht im Kopf, sondern irgendwo zwischen Kehlkopf und Brustbein. Am Tag zuvor hatte ich meinen Großvater im Krankenhaus besucht. Seine Stimme war schon kaum mehr als Luft. Ich strich über seinen Kopf, gab ihm zu trinken, hielt seine Hand. Er griff nach meiner freien Hand, küsste sie dreimal und sagte ebenso oft „Danke“. Es gibt Sätze, die sind im Moment klein und werden später unverschämt groß.

Als am nächsten Vormittag der Anruf kam, passierte das, wovor man sich fürchtet und worauf man sich doch nie vorbereitet. Mein Herz machte diese Bewegung, als wolle es erst fliehen und dann zerbrechen. Ich hätte meine Schicht abbrechen können. Aber es hätte ihn nicht zurückgebracht. Also blieb ich. Nicht aus Stärke eher aus einer Mischung aus Trotz und Ohnmacht. Ich war dankbar für jede Beschäftigung, die die Trauer für Minuten an den Rand schob, ohne sie zu vertreiben.

Berlin versteht das: Trauer ist hier oft ein Randphänomen. Sie darf existieren, solange sie niemanden aufhält.

In den Tagen danach war mein Körper ein Wechselmodell. Mal Bett, mal Spaziergang. Mal Weinen, mal Stille. Ich ging stundenlang im Schlosspark Charlottenburg spazieren und atmete, als müsste ich mich durch die Luft zurück ins Leben arbeiten. Einmal schrie ich laut in die Winterkälte – nicht, weil ich dachte, jemand müsse es hören, sondern weil ich nicht wusste, wohin sonst damit. In einer Stadt, die so laut ist, dass man sich im Lärm verstecken kann, ist ein Schrei fast eine intime Geste.

Es gab Menschen, die mich trugen. Freundinnen und Freunde, die nicht klug redeten, sondern da waren. Mein Partner, der den Schmerz nicht kleiner machen konnte, aber neben ihm blieb. Das ist eine unterschätzte Fähigkeit: aushalten, ohne zu reparieren. Taschentücher reichen. Nicht erklären. Schweigen können, ohne dass es peinlich wird.

Und trotzdem lernte ich schnell, dass Trauer – besonders um einen alten Menschen – gesellschaftlich eine Art Grenzverletzung ist. Viele können Verlust akzeptieren, wenn er „tragisch“ wirkt, wenn er „zu früh“ kommt, wenn er eine Story hat, die sich gut erzählen lässt. Aber ein Großvater, der alt war? Da rutschen manche in diese Sätze, die wie Trost klingen und sich doch wie Abwertung anfühlen: Er hatte doch ein langes Leben. Als wäre Länge ein Ersatz für Bedeutung. Als wäre es weniger schlimm, wenn jemand lange da war und gerade deshalb tief verankert.

Ich merkte auch, wie schnell sich manche zurückziehen, wenn Trauer nicht nach ein paar Tagen ordentlich abklingt. Nicht aus Böswilligkeit. Eher aus Angst. Tod ist das einzige Thema, bei dem die meisten Menschen glauben, Ignorieren sei eine Strategie. Er komme früh genug, sagen sie. Und meinen damit: Bitte nicht jetzt. Bitte nicht hier. Bitte nicht in meinem Alltag.

Dabei ist genau das der Punkt: Er kommt mitten hinein.

Nach meinem Großvater begann ich, alte Männer in der Stadt anders zu sehen. Berlin ist nicht freundlich zu Langsamkeit. Wer langsam ist, wird überholt, übersehen, manchmal angerempelt. Im Sommer sah ich sie häufiger: die, die in der Hitze kaum vorankamen und die nächste Bank zu weit war; die, die im Supermarkt suchend standen, als hätte jemand die Ordnung der Dinge verändert. Ich bin kein Mensch, der ständig hilft. Ich kann sehr gut meine Scheuklappen aufsetzen. Aber bei älteren Menschen bricht mir diese Stadt-Abschirmung weg. Vielleicht, weil mein Großvater in seinen letzten Jahren selbst immer wieder orientierungslos war, krankheitsbedingt weglief, und es oft Fremde waren, die ihn zurückbrachten – Passant:innen, Polizei, Menschen, die stehenblieben.

Stehenbleiben ist eine Entscheidung. In Berlin ist sie fast politisch.

Trauer hat ihre eigenen Gesetze. Eines davon ist ihr Humor, der keiner sein will. Immer wieder hatte ich den Impuls, ich müsse meinen Großvater dringend besuchen. Ein ganz normaler Gedanke, ein vertrauter Handgriff im Kopf. Und dann – eine Sekunde später – die Korrektur: Das geht nicht mehr. Dieser Moment ist jedes Mal wie ein Sturz, auch wenn man ihn schon tausendmal erlebt hat. Das Gehirn reicht einem Gewohnheit an und zieht sie im nächsten Augenblick wieder weg. Manchmal wirkt das wie ein schlechter Witz. Nur dass niemand lacht.

Ich gönnte mir im Sommer eine Pause zwischen zwei Jobs. Nicht als Wellness, sondern als Notwendigkeit. Zeit, in der ich nichts „bewältigte“, sondern einfach nur da war: in der Natur, in meinen Gedanken, in diesem stillen Raum, in dem Trauer nicht performen muss. Und ich stellte fest: Viele Menschen halten Trauer nur aus, solange sie einen klaren Zeitplan hat. Ein paar Wochen, vielleicht. Dann soll sie sich bitte in Dankbarkeit verwandeln. In ein „Erinnern mit einem Lächeln“. Als wäre Trauer ein Zustand, den man durch die richtige Einstellung auflösen kann.

Aber Trauer ist kein Problem, das sich lösen lässt. Sie ist ein Beweis.

Sie beweist, dass jemand wichtig war. Dass Liebe eine Spur hinterlässt, die nicht verschwindet, nur weil ein Herz aufgehört hat zu schlagen. Sie beweist, dass Beziehungen nicht enden, sondern ihre Form ändern: von Stimme zu Erinnerung, von Gewohnheit zu Lücke, von Nähe zu Sehnsucht. Und sie beweist – das ist das Unangenehme – dass wir nicht unendlich Zeit haben, Dinge zu sagen, zu klären, zu halten.

Man kann den Tod nicht üben. Aber man kann lernen, ihm nicht auszuweichen. Man kann vorsorgen, ja – Dokumente, Wünsche, Gespräche. Vor allem aber kann man lernen, im Leben nicht permanent auf später zu setzen. Nicht aus Panik, sondern aus Klarheit.

Vielleicht ist das, was die Toten den Lebenden beibringen: dass „irgendwann“ kein Datum ist. Dass man die Hand, die man halten will, nicht auf die nächste Gelegenheit verschieben sollte.

Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen. Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen. (Slawisches Sprichwort)

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